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Ann-Kathrin Wasle, Autorin historischer Romane

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Lore-Ley – Cover

Lore-Ley

Ein Märchen aus alten Zeiten, neu interpretiert in einem fesselnden Historienroman

Ein mystischer Historienroman von Ann-Kathrin Wasle

ISBN: 978-3-949198-25-0

Gebundenes Buch, 512 Seiten

Preis: 28 € (Print-Ausgabe), 9,99 € (E-Book)

Beim Tanz in den Mai verzaubert die Jungfer Lore jeden, der sie zu Gesicht bekommt: den tapferen Schiffer Rufus, für den ihr eigenes Herz entflammt, die Bauersleute, die unter dem felsigen Lurley wohnen, und sogar den jungen Grafen Wilhelm.

Doch als die Gräfinmutter von der unziemlichen Leidenschaft ihres Sohnes erfährt, hat dies tödliche Konsequenzen. Sie hetzt ihren Gefolgsmann auf die schöne Maid und Lore verschwindet spurlos.

Sieben Jahre später: Eine geheimnisvolle Adlige erscheint in der Stadt und bezirzt schon bald das Herz des Grafen. Doch wer ist die unbekannte Schöne – und was will sie wirklich von Wilhelm? Ist es Liebe, die sie sucht, oder Rache? Und woher stammt der übernatürliche Gesang, der seit einigen Wochen vom Lurley klingt und die Schiffer in den Untergang treibt?

Lore-Ley – Banner

Prolog – 1823

Das Raunen der Berggipfel zog durch das Tal wie ein Echo vergangener Zeiten. Lockend hallte es von den Felsen wider und säuselte über den Rhein, wo zwei ungleiche Wanderer dem schmalen Uferweg folgten. Es war der letzte Tag im April, der Vorabend der Walpurgisnacht – im Volk sagten sie, dass die Geister der Vergangenheit an diesem Abend zurückkehrten, um den Träumern ihre Geschichten zu erzählen.

Ein junger Mann und ein Mädchen wanderten den Pfad entlang, zwischen den steilen Berghängen den Fluss hinauf. Schon von fern war zu sehen, dass sie nicht deswegen zu Fuß gingen, weil ihnen das Geld für eine Kutsche mangelte. Das Kind hatte ein erdbeerfarbenes Kleidchen aus Musselin an und ihr Begleiter trug Jacke und Hose aus gutem Leinen. Sie wirkten wie Angehörige des oberen Bürgertums; Sprösslinge eines Akademikerhaushalts oder einer jüdischen Kaufmannsfamilie.

Die beiden Wanderer hatten die Häuser von Sankt Goarshausen nun hinter sich gelassen und näherten sich dem steilen Felsen, den die Schiffer ehrfürchtig die Loreley nannten. Der junge Mann schien zu zögern, doch das Mädchen zog ihn ungeduldig weiter, hin zu dem Fußweg, der sich unter dem Felsen entlangzog. Misstrauisch musterte ihr Begleiter den Weg. Hinter dem Fährhaus wurde der Pfad steinig; enger noch als bisher schlängelte er sich an den Felsen entlang, direkt in den Schatten des hohen Bergs.

»Komm schon, Harry!«, rief das Mädchen. »Oder ist es dir zu steil?«

Grummelnd folgte ihr der Angesprochene über den rutschigen Pfad. »Onkel Isaac wird mich umbringen, wenn dir hier irgendetwas passiert.« Mit ergebener Miene sprang er dem Kind hinterher. »Außerdem weißt du, dass es nicht mehr ›Harry‹ heißt.«

»Oh, entschuldige«, erklärte die Kleine ironisch. »Herr Heinrich, wollte ich sagen.« Sie kletterte auf die Steine, die den Uferweg säumten; schroffe Brocken, die von dem hohen Felsen herabgestürzt waren. Mit einem Seufzen schaute sie über das Tal. »Schau nur. Ist es nicht schön?«

Heinrich stieg ihr hinterher und folgte ihrem Blick.

Die Aussicht über das Mittelrheintal war atemberaubend. Die Sonne blitzte über die Berggipfel und ließ ihre letzten Strahlen auf die hohen Felsen scheinen. Der Rhein floss in gewaltigen Biegungen vor ihnen dahin – enger als zwischen den Städten, aber dafür mit reißender Strömung. Drüben am anderen Ufer waren ein paar Burschen beschäftigt, einen buntbeflaggten Maibaum aufzurichten. Neben ihnen mühten sich zwei Flößer ab, ihre Gefährte gegen den Sog der Wellen den Rhein hinaufzuziehen. Und ganz in der Nähe, nur einen Steinwurf vom Ufer entfernt, fuhr ein schmaler Nachen von Süden den Fluss entlang.

Die Hand über die Augen gelegt, beobachtete Heinrich, wie der Schiffer seinen Kahn mit dem Riemen an den Stromschnellen vorbeiwriggte. Seine Bewegungen waren sicher und seine Miene zuversichtlich, doch seine Aufmerksamkeit lag nicht auf den Felsenriffen am Rand des Stroms. Der Blick des rothaarigen Mannes war starr auf den Berg über ihnen gerichtet – sehnsuchtsvoll schaute er zum Loreley-Felsen hinauf, der hoch oben in der Abendsonne glänzte.

Heinrich strich sich über den Nacken. Es lag eine sonderbare Ruhe in diesem Moment. Auch wenn der Fluss bereits im Schatten lag, versah das Abendlicht die Szenerie mit einem unbekannten Liebreiz. Die Luft war erfüllt vom Duft der Bergreben, der sich mit dem Geruch der Wellen vermischte, während der Sprühregen über dem Fluss wie Edelsteine funkelte.

»Siehst du das?«

Eine kleine Hand schob sich zwischen Heinrichs Finger. Seine Cousine war neben ihn getreten und schmiegte sich vertrauensvoll an seine Seite. Sie deutete hinaus auf den Rhein – offenbar hatte sie den Schiffer mit den flammend roten Haaren ebenfalls entdeckt.

Der hatte die gefährlichen Strömungen nun erfolgreich umschifft. Mit gezielten Bewegungen trieb er seinen Nachen ins ruhigere Wasser am Rand des Stroms. Heinrich bemerkte, dass er einen Wimpel an seinem Boot trug: eine Flagge, die eine stilisierte rote Blume zeigte – sie erinnerte ein wenig an die Waldreben, die über ihnen am Berg wuchsen. Noch einmal wandte sich der Schiffer zurück zum Felsen und hob die Hand zum Gruße. Heinrich sah, wie er den Mund öffnete, doch über das Rauschen des Flusses war unmöglich zu hören, was er rief.

Jäh fühlte Heinrich ein tiefes Sehnen im Herzen. Er hätte selbst nicht zu sagen gewusst, was ihn an diesem Anblick so bewegte … und doch war da ein Schmerz in seiner Brust, der ihn mit sich zu reißen drohte.

Abrupt wandte er sich fort. »Komm, Ännchen«, sagte er und zog das Kind mit sich. »Es wird spät. Bis es dunkel wird, müssen wir in Kaub sein.«

Zielstrebig wanderten die beiden am Flussufer entlang, dem schmalen Fußweg folgend, den die Menschen dem Felsen abgerungen hatten. Die Sonne hatte sich nun hinter den Bergen verabschiedet, schroff und grau ragte der Loreley-Fels über ihnen auf. Der Pfad zeichnete einen engen Grat zwischen dem Berg und dem ungestümen Strom des Rheins. Es schien wie eine uralte Kraftprobe, in der Rhein und Loreley da gegeneinander angingen … oder eine alte Liebschaft.

Heinrich schüttelte den Kopf. Die blaue Stunde, gefangen im Übergang zwischen Wasser und Fels, setzte ihm die sonderbarsten Gedanken in den Sinn.

Endlich hatten sie den Felsen umwandert; vor ihnen öffnete sich die nächste Schleife des Rheintals. Nicht weit von ihnen war ein alter Mann zu sehen, der im Bergschatten saß und ein paar Äste zu einem Feuer aufschichtete. Neben ihm dümpelte ein Fischerkahn, gut festgezurrt an einem Vorsprung des Felsens.

Als er die späten Wanderer sah, erhellte sich die Miene des Alten. »Sieh an, Gäste!« Mit einer Behändigkeit, die Heinrich ihm nicht zugetraut hätte, zog er einen altmodischen Feuerstein aus der Tasche und setzte den Holzhaufen in Brand. »Setzt euch ein wenig hin und leistet mir Gesellschaft!«

Unentschlossen sah Heinrich zu Ännchen. Die hatte schon einen Schritt auf den Alten zu gemacht, die Augen fasziniert auf das Feuer gerichtet. Also hob Heinrich die Schultern und ging zusammen mit dem Kind hinüber.

»Danke für die Einladung«, sagte er, während er sich vorsichtig einen Platz auf den Felsen suchte. »Wir können aber nicht lange bleiben.«

Ännchen setzte sich neben ihn, wobei sie ihr Reisekleid ordentlich auf den Steinen ausbreitete.

Der alte Fischer gab ihm keine Antwort. Er zog stattdessen seine Pfeife aus der Hosentasche und klopfte sie aus, ehe er sie sorgsam mit neuem Kraut befüllte. Seine Gäste schien er ebenso schnell vergessen zu haben, wie er sie eingeladen hatte.

»Was machst du damit?«, fragte Ännchen und wies auf das Fischerboot drüben im Wasser. »Kannst du hier angeln? Ist die Strömung dafür nicht viel zu stark?«

Für einen Moment wirkte es, als hätte der Fischer sie nicht gehört. Stumm stopfte er seine Pfeife und gab noch etwas Tabak nach, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Dann zündete er sie mit einem glühenden Kienspan an und lehnte sich gegen den Felsen.

»Die Strömung ist stark, das ist schon wahr«, sagte er, den Blick auf den Fluss gerichtet. »Es gibt wohl einfachere Stellen am Rhein, jaja. Aber keine besseren …«

Er lachte leise und die Glut der Flammen spiegelte sich in seinen Augen.

»Lurley und Rhein, sie kommen einfach nicht voneinander los. Dies hier ist die engste Stelle zwischen Felsen und Fluss, das kannst du mir glauben. Und der steilste Berg …« Nun wandte er den Kopf und wies mit dem Pfeifenstiel hinauf zum Gipfel. »Siehst du die Waldreben da oben? Die roten Kletterblumen, die den Fels bedecken? Die gibt es nur hier, jaja, nur hier am Lurley.«

»Lurley?«, fragte Ännchen mit großen Augen. »Ist das der alte Name des Bergs?« Unwillkürlich beugte sie sich so weit vor, dass Heinrich sie vom Feuer zurückziehen musste.

Der Alte hob die Schultern. »Alter Name, neuer Name … Was ist der Unterschied?« Er zeichnete einen ungefähren Kreis mit der Pfeife, der die gesamte Gegend einzuschließen schien. »Früher, da sah es hier anders aus. Früher waren die Waldreben weiß, so wie an vielen anderen Berghängen. Der Berg war schroffer als heute, der Fluss noch reißender.« Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, andächtig schaute er hinaus zum Wasser. »Mein Täubchen, sie liebt die Geschichte. Wie die Waldreben blutrot wurden, und wie Fluss und Berg wieder zusammenfanden … Soll ich sie euch erzählen?«

Heinrich schrak auf, als er den Blick des Alten plötzlich auf sich gerichtet sah. Der letzte Satz des Fischers war direkt an seine Gäste gewandt.

Ännchen neben ihm nickte eifrig. »Oh ja, erzähl! Ist es eine schöne oder eine traurige Geschichte?«

»Traurig und schön, s’ist beides«, kicherte der Alte. »Sieh nur hinaus zum Fluss. Wie viele Schiffer sind dort schon mit ihren Kähnen untergegangen? Jaja, mein Täubchen kann wohl ein Lied davon singen.«

Wieder wies er zum Fluss, mit dieser seltsam ungefähren Geste, die alles und nichts einzuschließen schien.

Heinrich räusperte sich ungeduldig. »Das ist sehr freundlich von Ihnen«, setzte er an, »aber wir müssen weiter. Wir müssen noch vor Einbruch der Nacht –«

»Ach bitte«, unterbrach da Ännchen und zog ihn am Ärmel, »lass uns doch die Geschichte hören. Nur eine kleine Weile!« Sie drehte sich zu dem Alten. »Wir haben einen der Schiffer drüben am Felsen gesehen! Er hatte flammend rote Haare und hat etwas zum Felsen hinaufgerufen.«

»Jaja, das glaube ich wohl«, antwortete der Fischer grinsend. »Jeder Schiffer kennt die Geschichte von der Lore-Ley. Auch wenn wohl jeder sie ein wenig anders erzählt. Aber das macht keinen großen Unterschied.«

Er streckte die Beine aus und nahm einen langen Zug von seiner Pfeife. Ohne Heinrichs halbherzigen Widerspruch zu beachten, wies er zu der Burg hinüber, die am östlichen Ufer noch halb hinter den Felsen zu erkennen war.

»Seht ihr die alte Ruine? Die Leute im Städtchen nennen sie Burg Katz, oder die Katzenburg. Es ist viele Jahrhunderte her, dass die alte Grafenfamilie sie oben auf dem Felsen gebaut hat. Zum Zeichen ihrer Macht, so wie sie sagten, und um sich vor der Pest zu verstecken …«

»Was du nicht sagst«, fuhr Heinrich da ein. Erst am Nachmittag hatte er mit seiner Cousine die Burg besucht und die alte Plakette am Eingang gelesen. »Die Burg wurde um 1360 erbaut. Die große Pestwelle war da bereits vorbeigezogen. Deine Daten passen nicht zusammen!«

»Pah, Jahreszahlen.« Ungeduldig schüttelte der Alte den Kopf. »Es hat immer große Seuchen gegeben und immer Burgen, in denen die Menschen sich davor schützen wollten. Willst du die Geschichte nun hören oder nicht?«

Er musterte Heinrich so finster, als ob der es gewesen wäre, der auf die Geschichte gedrungen hatte, und nicht der Fischer selbst.

»Natürlich wollen wir sie hören«, stellte Ännchen fest. Sie rutschte auf ihrem Stein zurück, um sich besser an Heinrichs Seite schmiegen zu können. »Bitte, sprich weiter! Er wird dich in Ruhe erzählen lassen.«

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, warf sie ihrem Cousin einen drohenden Blick zu. Dann wandte sie sich wieder zu dem Alten um, der noch einen Zug aus seiner Pfeife nahm, um einen dicken Rauchkringel in den Himmel steigen zu lassen. Seine Augen glitzerten golden im Schein des Feuers, als er sich nun gegen den Felsen lehnte und zu erzählen begann.