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Ann-Kathrins phantastische Bücherwelt

19. bis 22. März auf der Leipziger Buchmesse

Lore-Ley – Cover

Lore-Ley

Ein Märchen aus uralten Zeiten, neu interpretiert in einem fesselnden Historienroman

Ein mystischer Historienroman von Ann-Kathrin Wasle

ISBN: 978-3-949198-25-0

Gebundenes Buch, 596 Seiten

Preis: 28 € (Print-Ausgabe), 9,99 € (E-Book)

Beim Tanz in den Mai verzaubert die Jungfer Lore jeden, der sie zu Gesicht bekommt: den tapferen Schiffer Rufus, für den ihr eigenes Herz entflammt, die Bauersleute, die unter dem felsigen Lurley wohnen, und sogar den jungen Grafen Wilhelm.

Doch als die Gräfinmutter von der unziemlichen Leidenschaft ihres Sohnes erfährt, hat dies tödliche Konsequenzen. Sie hetzt ihren Gefolgsmann auf die schöne Maid und Lore verschwindet spurlos.

Sieben Jahre später: Eine geheimnisvolle Adlige erscheint in der Stadt und bezirzt schon bald das Herz des Grafen. Doch wer ist die unbekannte Schöne – und was will sie wirklich von Wilhelm? Ist es Liebe, die sie sucht, oder Rache? Und woher stammt der übernatürliche Gesang, der seit einigen Wochen vom Lurley klingt und die Schiffer in den Untergang treibt?

Lore-Ley – Banner

Kapitel 4: Das Blutopfer

Das Fest zog sich bis weit in die Nacht hinein. Die Sonne war untergegangen, die Mondsichel stand hoch am Himmel, und immer noch scharte sich das Volk zwischen den Feuern oben auf der Heide.

Lore tanzte, so lange sie nur konnte – ein Partner nach dem anderen griff nach ihrer Hand, ein Lied nach dem anderen lockte sie dazu, sich schneller und schneller im Kreis zu drehen. Erst als sie keinen Atem mehr fand, als sie vor Erschöpfung umzufallen drohte, löste sie sich aus dem bunten Reigen und trat an eines der Feuer, wo der geschäftstüchtige Wirt immer noch stand und Krug um Krug voll Wein an die Feiernden verteilte. Sie ließ sich von einem alten Bauern einen Schlauch einschenken und trank gierig von dem süßen Wein, während der Widerschein des Feuers auf ihren Wangen brannte. Erst als sie den Weinschlauch absetzte, bemerkte sie, dass sie in der Eile etwas davon verschüttet hatte. Zwei Flecken schimmerten auf ihrem Kleid, rot wie blutige Wunden.

Der Anblick ließ Lore schaudern. Heftig drückte sie dem Bauern seinen Weinschlauch in die Hand, der ihn überrascht in Empfang nahm. Mit einem Mal hatte sie genug von dem lauten Fest; die Musik schmerzte in ihren Ohren und der Nachtwind wehte ihr um das luftige Kleid.

Lore schlang die Arme um die Schultern und sah sich um. Drüben am Rand der Wiese sah sie den Fußweg, der hinunter zur Stadt führte. Sollte sie sich einreihen in die Schar der Nachtschwärmer, die dort einer nach dem andern hinunterwankten wie reuige Büßer?

Etwas an dem Gedanken hielt sie ab. Sie hatte wenig Lust auf den Abstieg hinab zur Stadt und weniger noch auf das Haus ihrer Eltern, das unweigerlich das Ziel dieser Wanderung sein musste. Sie war ihrer Familie nicht den ganzen Tag lang erfolgreich ausgewichen, um nun wie eine folgsame Hündin an den heimischen Herd zurückzukehren.

Kurzentschlossen drehte sie sich um, in die entgegengesetzte Richtung. Dort im Süden ragte der Lurley über dem Tal empor, die Verlängerung desselben Felsens, auf dem sie gerade stand. Es war dunkel drüben, nur der Schatten, den der Berg vor die Sterne warf, war zu sehen.

Ohne sich noch einmal nach den Feuern oder den anderen Feiernden umzusehen, ging Lore über die dunkle Heide hinüber; denselben Weg, über den sie zu Beginn der Feier gekommen war. Die hohen Gräser fuhren ihr um die Beine, dann schlossen sich die Bäume über ihr. Lore atmete auf. Die Dunkelheit war ihr Freund. Niemand kannte diesen Weg so gut wie sie, niemand außer ihr konnte sich im Dunkeln hier zurechtfinden. Tief sog sie die kalte Nachtluft in ihre Kehle. So roch nur der Lurley … Sie liebte diesen Felsen – die schroffen Klippen, den langen Fall hinab ins Tal. Nirgendwo fühlte sie sich so zuhause wie auf diesem Berg.

Ein Rascheln ließ Lore aufschrecken. Hastig wandte sie sich um: Hinter ihr flackerte ein Lichtschein durch den Wald. Sie runzelte die Stirn. Wer mochte um diese späte Zeit hier oben durch das Dickicht schleichen? Jemand, der nach ihr suchte? Ein warmes Glühen füllte ihre Brust. War es Rufus, der nach all den Stunden zu ihr kam, um sich mit ihr auszusöhnen?

Freudig wandte sie sich um, dem Lichtschein entgegen – und blieb schlagartig stehen, als sie den fremden Mann sah, der dort mit einer Fackel zwischen den Bäumen stand.

Er war kleiner als Rufus, kaum größer als sie selbst, aber dafür doppelt so breit gebaut. Dunkle Locken und ein Bart umrahmten ein grimmiges Gesicht, das sicher schon manche Prügelei überstanden hatte. Sofort konnte Lore sehen, dass sie im direkten Kampf keine Chance gegen den Fremden haben würde. An seiner Seite hing ein Messer, doch der Mann trug nicht die reiche Kleidung oder den Umhang eines Adligen. Einer der Wachleute also, die den Tag über am Rand der Heide verbracht hatten, um über den Grafen und den ruhigen Ablauf des Festes zu wachen.

Neugierig legte Lore den Kopf zur Seite. Ob womöglich der Graf selbst den Wachmann zu ihr gesandt hatte?

Ein ferner Klang drang zu den beiden herauf: Unten in der Stiftskirche wurde zur mitternächtlichen Virgil geläutet. Als hätte er nur auf dieses Zeichen gewartet, trat der Wachmann nun zu ihr herüber.

»Die Maikönigin …«

Er spuckte abfällig aus. Seine Miene war düster, sein Mund abschätzig verzogen. Nein, dieser Mann war sicher nicht gekommen, um ihr eine Nachricht von Graf Wilhelm zu überbringen.

Aber warum dann?

»Was willst du?«, fragte Lore abfällig. Ihr Kinn war stolz erhoben, ihre Hände in die Seiten gestemmt. Sie zwang sich, nicht zurückzuweichen, als der grobe Kerl noch einen Schritt auf sie zutrat.

»Du hast für alle getanzt«, sagte der Fremde drohend. Er stand nun direkt vor ihr; das Licht der Fackel schimmerte auf dem Messer an seiner Seite. »Für die Bauern, für Seine Erlaucht, den Grafen … Wirst du nun auch für mich tanzen?«

Etwas an seiner Stimme ließ Lore aufmerken. Sie kannte diesen Mann – es war Hubert, der jüngste Sohn des Schmieds. Die junge Elise war seine Schwester … Lore erinnerte sich, dass sie das Mädchen drüben auf der Wiese in Rufus’ Arm gesehen hatte.

Die Erinnerung half ihr, ihre Haltung zu bewahren. Spöttisch verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Ich tanze nur für mich selbst«, stellte sie fest. »Jetzt pack dich, bevor deine Kollegen dich –«

Seine Bewegung unterbrach ihre Worte. Mit festem Griff drehte Hubert ihr den Arm auf den Rücken, sodass sie vor Schmerz aufstöhnte. Sie spürte die Hitze der Fackel nahe ihrem Gesicht und hörte Huberts Atem, der stoßweise ihre Wange streifte.

»Weißt du, was du tust, wenn du deine goldenen Haare so flattern lässt?«

Lore schnaubte. Solche Worte hatte sie schon oft gehört – und normalerweise wusste sie auch, wie sie damit umzugehen hatte. Probeweise stemmte sie sich gegen seine Finger, doch Hubert hielt ihren Oberarm mit eisernem Griff umschlossen. Sie zischte: »Ich kann nichts dafür, wenn du deine eigene Männlichkeit nicht –«

Ihre Stimme erstarb zu einem leisen Wimmern, als Huberts Griff ihren Arm hinter ihrem Rücken hochriss. Sein Atem an ihrer Wange kam noch näher als zuvor. »Weißt du, was du unserem Grafen damit antust?«

Sein Körper war dem ihren jetzt so nah, dass Lore sein Gemächt an ihrer Seite spüren konnte. Doch anders als erwartet, schien er an dieser Stelle nicht sonderlich erregt. Sie atmete ein wenig freier. Allein und im Dunkeln hätte sie sich seiner nicht erwehren können, wenn er sie überwältigen wollte.

Aber was wollte er dann?

»Geht es um deine Schwester?«, fragte Lore gepresst. Sie musste sich anstrengen, ihren kecken Ton beizubehalten. »Machst du dir Sorgen, dass ich ihr den Rang ablaufe? Ich muss dich enttäuschen, wenn du meinst –«

»Unser Graf ist ein guter Mann.« Huberts Stimme klang nun leise, fast nachdenklich. Es schien, als hätte er ihre letzten Worte kaum gehört. »Er braucht keine Dirnen, die ihm schöne Augen machen.«

Etwas an seiner Haltung änderte sich; die Fackel fiel neben ihnen zwischen die Steine. Im nächsten Augenblick spürte Lore den kalten Druck seines Messers an ihrer Wange.

»Ich sollte dafür sorgen, dass du niemandem mehr den Kopf verdrehst.«

Lores Kehle war eng, ihr Atem ging flach. Vergebens versuchte sie sich umzudrehen, um einen Blick auf Huberts Gesicht zu erhaschen. Hatte er wirklich vor, ihr etwas anzutun? Sie zwang sich, Luft zu holen – allzu weit konnten sie von der Lichtung nicht entfernt sein. Vielleicht würde ein lauter Ruf nach Hilfe ihn vertreiben?

Immer noch strich das Messer über ihre Wange, spielerisch, als wäre es noch unentschlossen über sein Ziel. Da drang nicht weit von ihnen ein barscher Ruf durch die Nacht.

»Was geht hier vor? Wache, was soll das?«

Schlagartig löste sich das Messer von Lores Gesicht, als Hubert sich zu dem Neuankömmling umwandte. Unwillkürlich folgte sie seiner Bewegung – sein Arm hielt sie immer noch so fest gepackt, dass sie sich nicht befreien konnte.

Eine schmale Gestalt stand dort zwischen den Bäumen, eine Laterne in der Hand und ein reichverzierter Umhang über Schultern und Kopf. Im Schein von Huberts Fackel erkannte Lore die Mutter des Grafen – ja wahrhaftig, es war Frau Adelheid höchstpersönlich, die dort im Dunkeln stand und zu ihnen herübersah.

Erleichtert seufzte Lore auf. Ein Schluchzer brannte in ihrer Kehle. Jetzt erst wurde ihr klar, welche Angst sie wirklich vor Hubert gehabt hatte. Dies war ihre Rettung in letzter Sekunde …

Huberts Griff um ihren Arm löste sich. Auch er musste wissen, dass sein Anschlag hiermit beendet war. »Ich bitte um Verzeihung, Euer Erlaucht«, sagte er mit gesenktem Kopf. Mit dem gezückten Messer wies er auf Lore. »Ich wollte nur … Ich hatte dieser Dirne eine Lektion erteilen wollen.«

Nun erst blickte Frau Adelheid zu Lore herüber – so als hätte sie sie bisher gar nicht wahrgenommen. Sie trat herbei und hob die Laterne, um der jüngeren Frau ins Gesicht zu scheinen.

»Ich habe dich auf der Feier gesehen«, sagte sie nachdenklich. Ihr Umhang war zurückgerutscht, sodass das feste Gebände um ihren Kopf zu sehen war. Mit ihrer freien Hand griff sie nach Lores offenem Haar. »Ich habe gesehen, wie du meinen Sohn angeschaut hast.«

Lore versteifte sich. Ihre Kehle, die gerade freier geworden war, schien mit einem Mal wie zugepresst.

Langsam ließ Frau Adelheid die goldenen Locken durch ihre Finger gleiten. »Ich kenne nur eine Art von Mädchen, die ihre Haare auf diese Weise offen zeigen.« Sie schnalzte abfällig, dann sah sie wieder zu Hubert auf. Ihre nächsten Worte schickten Lore einen kalten Schauer über den Rücken. »Du wolltest ihr doch eine Lektion erteilen, nicht wahr? Worauf wartest du noch?«

Lore spürte, wie Hubert sich neben ihr versteifte. Jetzt erst wurde ihr klar, dass er nie wirklich vorgehabt hatte, ihr etwas anzutun. Er hatte ihr Angst einjagen wollen, um sie dann mit dem Schreck davonzuschicken. Aber nun, unter dem fordernden Blick der Gräfinmutter, konnte er keinen Rückzieher mehr machen.

Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Sie riss sich von ihm los und warf sich zur Seite – umsonst: Schon hatte Hubert sie an den langen Haaren gepackt. Mit einer festen Bewegung zwang er sie vor sich auf die Knie, er riss ihren Kopf in den Nacken und zückte das Messer. Ehe Lore wusste, wie ihr geschah, fuhr ihr die Klinge in zwei kalt brennenden Striemen über das Gesicht.

Lore keuchte auf. Für einen Moment spürte sie nichts und sie überlegte, ob Hubert sie doch verschont hatte. Dann brach der Schmerz über sie herein. Zwei glühende Linien zogen sich über ihr Gesicht – eine schräg über ihre Stirn und eine zweite über ihre Nase hin zu ihrer rechten Wange.

Brennend fuhr der Atem durch ihre Kehle, ihr Blick war starr, während sie zu begreifen suchte, was gerade geschehen war. Der Zug von Huberts Griff um ihre Haare löste sich, keuchend fiel Lore vornüber auf den Weg. Selbst jetzt spürte sie die Schnitte nur von fern. Mit geballten Fäusten stützte sie sich auf den Boden, während ihr das Blut in die Augen lief.

»Gut so«, erklang es drüben auf dem Weg. Unter schweren Atemzügen hörte Lore, wie die Gräfinmutter zu Hubert trat und ihre Laterne hob. »Du bist neu bei uns, nicht wahr? Wie ist dein Name?«

Heißer Schmerz in ihrem Gesicht; Blut, das ihr über Nase und Mund lief, um vor ihr zu Boden zu tropfen. Lore atmete schwer, das Rauschen in ihren Ohren verschluckte Huberts Antwort. Im Licht seiner fallengelassenen Fackel sah sie die dunkle Lache, die vor ihr die Steine benetzte. Sie hob die Hand und fuhr sich über die Wange – ein neuer Schmerz, schneidender noch als zuvor, sagte ihr, dass all dies wirklich kein dunkler Traum war.

»Beim Lurley, auf dem wir stehen, verwünsche ich Euch.«

Ihre Kehle war eng, scharf gruben sich die Steine in ihre Hand. Wie von selbst drangen die Worte hervor, heiser, und doch nicht zu überhören. Lore hob den Kopf und blickte auf zu Frau Adelheid, die sie ihrerseits verwundert musterte.

»Ich werde Eure Burg zum Einsturz bringen«, brachte sie mit kratzender Stimme hervor. »Ich werde Euren Sohn vernichten. Ich werde sein Geschlecht auslöschen.«

Stille, nur ihr eigenes leises Keuchen war zu hören. Reglos sah die Gräfinmutter auf sie herab, die Stirn nachdenklich verzogen. Lore konnte nicht sagen, woher der dunkle Schwur gekommen war. Es war, als hätte der Berg selbst ihr die Worte eingegeben.

Dann drehte Frau Adelheid sich ganz zu ihr um. Mit der Laterne in der Hand kam sie zu Lore, sie beugte sich herab und zwang das blutverschmierte Kinn zu sich auf. Im flackernden Licht betrachtete sie Lores zerschnittenes Gesicht, als wollte sie sich jede Facette davon einprägen.

Endlich schnaubte sie, so als wäre sie zu einem Schluss gekommen. »Und ich dachte, du wärst nichts weiter als eine Ablenkung.« Ihre Stimme klang ruhig und gemessen, keine Emotion war darin zu lesen. »Denk nicht, dass ich Angst vor einer dreckigen Bauernschlampe hätte. Aber mein Sohn hat genügend Feinde, die ihm Steine in den Weg legen. Er braucht wahrlich nicht mehr davon.«

Damit ließ Adelheid Lores Kinn los und trat zurück. Entschlossen nickte sie Hubert zu.

Dieses Mal zögerte der Wachmann nicht. Mit dem Messer, das er nicht aus der Hand gelegt hatte, beugte er sich zu ihr herab und schnitt ihr mit einer festen Bewegung die Kehle durch.

Ohne einen Laut brach Lore zusammen. Kein Schmerz dieses Mal – oder wenn er da war, so fand er den Weg in ihren Kopf nicht mehr. In heißen Wellen ebbte das Leben aus ihrem Körper, ergoss sich als dunkelroter Regen auf den Fels zu ihren Füßen – ebenjenen Fels, der kurz zuvor noch Zeuge ihres Schwurs geworden war. Ihr Körper bäumte sich auf, ein nutzloser Reflex, der kaum noch Teil ihrer selbst war. Mit toten Augen, die nichts mehr sehen konnten, blickte Lore zu ihren Mördern auf, während ihr Herz seine letzten Schläge tat.